Wie bereits berichtet, strahlt RTL seit zwei Wochen die 5-teilige Sendung „Nachbarschaftsstreit – Kolb greift ein“ aus. Darin geht es um nachbarschaftliche Konflikte sowie den Versuch, diese mit Hilfe von Mediationen beizulegen.
Am Mittwoch hatte ich Gelegenheit, die 3. Folge zu sehen. Angeblich werden hier typische Mediationen vorgestellt. Diesem Anspruch wird die Sendung allerdings alles andere als gerecht:
Die Mediation verlangt, dass ein Mediator unparteiisch ist. Herr Kolb allerdings zeigt sich immer wieder parteiisch. Über das übliche „Wenn ich Sie richtig verstehe, dann wollen Sie …“ erklärt er, warum dieses oder jenes Verhalten aus seiner Sicht zu verurteilen sei. Ein mediatives No-Go!
Ferner verstößt er gegen den Grundsatz, dass die Medianten selbst die Lösungen erarbeiten. Stattdessen macht er wie ein Richter oder ein Rechtsanwalt konkrete Vorschläge, wie etwa den Bau einer „optischen Barriere“ oder die Anregung: „Er macht einen Wohlfühlgarten, Sie machen einen Arbeitsgarten.“ Der Vorteil einer (echten) Mediation aber liegt gerade darin, dass die Beteiligten eigene Lösungen erarbeiten, weil genau diese erfahrungsgemäß in der Regel akzeptiert werden und dadurch auch auf Dauer Bestand haben. Mit fremdbestimmten Lösungen dagegen ist meistens zumindest eine Seite unzufrieden – was nicht selten Anlaß für den nächsten Streit ist.
Absolut ungewöhnlich ist es auch, dass der Mediator die Medianten erst einmal aufeinander prallen läßt, ohne dass er selbst anwesend ist. Dadurch hat er keine Möglichkeit, im Falle einer Eskalation sofort vermittelnd einzugreifen. In der Sendung verlässt eine Beteiligte bereits nach einer kurzen Weile den Raum, so dass er sie wieder „einfangen“ muss. Aufgrund der Tatsache, dass viele Leute einer Mediation zunächst skeptisch gegenüber treten, riskiert ein Mediator, auf diese Weise jemanden gleich zu Anfang endgültig zu verlieren. Damit torpediert Kollege Kolb seine eigene Mediation. Vertrauen zu schaffen sieht anders aus.
Und wenn wir schon beim Thema Vertrauen sind: Während er die Beteiligten das erste Mal aufeinanderprallen lässt, ist er selbst nicht nur abwesend, sondern lässt sie auch noch heimlich überwachen. Damit verletzt er die Vertraulichkeit – eine essentielle Voraussetzung jeder Mediation – in eklatanter Weise.
Dies alles sowie die Tatsache, dass bei laufender Kamera nur bedingt eine Offenheit erzeugt werden kann, sprechen allesamt gegen die Sendung „Kolb greift ein“.
Der einzige Vorteil der Sendung ist die Tatsache, dass sich der Bekanntheitsgrad der Mediation durch die Ausstrahlung erhöhen dürfte. Die Frage ist jedoch: „zu welchem Preis?“ Denn hier wird ein völlig falsches Bild der Mediation erzeugt!