Verfasst von: Axel Brodehl | 31. Juli 2013

Sind Menschen in der höchsten Eskalationsstufe wirklich aggressiv?

Im Rahmen eines Kommunikationsseminars sollten wir verschiedene Themen vorstellen. Meine Gruppe bekam die Aufgabe, Konfliktmanagement darzustellen. Also haben wir zunächst in drei kurzen Rollenspielen die verschiedenen Eskalationsstufen vorgestellt. Unser Trainer meinte, die Darstellung der höchsten Eskalationsebene sei zu aggressiv dargestellt worden. Nun stellt sich die Frage: gibt es eine Grenze an Agressivität, die niemals in Konflikten überschritten wird?

Der österreichische Konfliktforscher Friedrich Glasl hat hierzu 9 Eskalationsstufen entwickelt, die er in 3 Ebenen einteilt:

Stufe 1: Verhärtung

Ab und zu gibt es Meinungsverschiedenheiten. Ein Konflikt wird noch gar nicht als solcher wahrgenommen.

Stufe 2: Polarisation und Debatte

Die Parteien überlegen sich, wie sie die andere Seite mit Argumenten überzeugen. Die Meinungsverschiedenheiten führen zu einem Streit.

Stufe 3: Taten statt Worte

Abbruch von Gesprächen oder das Schaffen von Fakten bestimmen das Bild.

Stufe 4: Images und Koalitionen

Das eigene Image wird aufpoliert, Allianzen werden gegründet.

Stufe 5: Gesichtsverlust

Inzwischen versucht man aktiv, den anderen zu demaskieren und denunzieren.

Stufe 6: Drohstrategien

Man weiß sich nicht mehr weiter zu helfen, als die eigene Position durch Drohungen durchzusetzen. Es werden Ultimaten gestellt.

Stufe 7: Begrenzte Vernichtungsschläge

Jetzt wird versucht, dem anderen ernsthaft Schaden zuzufügen. Ziel ist jedoch noch nicht die Vernichtung des anderen.

Stufe 8: Zersplitterung

Das Ziel der Vernichtung des anderen ist hier nun erreicht. Dafür ist man zu fast allem bereit.

Stufe 9: Gemeinsam in den Abgrund

Rasend vor Wut gibt es nur noch ein Ziel: die totale Vernichtung des anderen, selbst wenn man selbst draufgeht. Nicht selten führt das gemeinsam in den Abgrund.

Stufen 1 – 3: Win-Win

Hier ist es noch möglich, daß beide gemeinsam als Gewinner aus der Situation herauskommen.

Stufen 4 – 6: Win-Lose

Hier läuft der Konflikt darauf hinaus, daß eine Seite verlieren wird.

Stufen 7-9: Lose-Lose

Hier eskaliert die Situation dermaßen, daß in der Regel beide Seiten verlieren.

Sofern man das überhaupt verallgemeinern kann (die Grenzen sind selbstverständlich fließend), haben Konfliktparteien in den ersten 3 Stufen gute Chancen, den Streit noch selbst aus dem Weg zu räumen. Ab der 4. Stufe ist jedoch in der Regel Hilfe von außen notwendig. Ab den Stufen 7/ 8 ist es – auch unter Zuhilfenahme eines neutralen Dritten – unheimlich schwer, die Negativspirale wieder zu verlassen; die Parteien sind so auf Destruktion ausgerichtet, daß sie sich selbst im Wege stehen, wieder auf einen gemeinsamen Pfad zurückzukommen. Leider kommt diese Situation nicht selten vor – egal ob im Privatleben, im Berufsleben oder auch in militärischen Auseinandersetzungen. Daher ist es ja auch so schwer, aus der Gewaltspirale beispielweise bei Bürgerkrieg herauszukommen. Und somit ist es leider nicht ungewöhnlich, daß gerade auf der letzten Ebene die Agressivität ungeahnte Ausmaße annimmt. Eine natürliche Grenze nach oben ist nicht vorhanden.


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