Verfasst von: Axel Brodehl | 14. Juli 2008

Täter-Opfer-Ausgleich

Was ist ein Täter-Opfer-Ausgleich, und was hat er mit Mediation zu tun? Der Ausdruck wird in § 46a StGB (Strafgesetzbuch) explizit genannt. Auch § 59a StGB und § 155a StPO (Strafprozeßordnung) sprechen von einem Ausgleich zwischen Beschuldigtem und Verletztem. Was aber verbirgt sich dahinter?

Täter-Opfer-Ausgleich (TOA) ist die Bezeichnung für eine außergerichtliche Konfliktlösung von Strafsachen. Das Verfahren ist eine besondere Form der Mediation. Ziel ist die Wiederherstellung des sozialen Friedens zwischen dem Täter und dem Opfer.

Der Täter-Opfer-Ausgleich kann durch ein Gericht oder eine Staatsanwaltschaft angeregt werden oder auch ohne Anlaß von Seiten eines der Beteiligten erfolgen. Unabhängig von der Initiative muß ein Täter-Opfer-Ausgleich freiwillig sein, d.h. sowohl der Täter als auch der Geschädigte müssen dem Verfahren zustimmen.

Nicht jedes strafbare Verhalten eignet sich zu einem Täter-Opfer-Ausgleich. So kommen zum Beispiel Sexualdelikte in der Regel nicht in Betracht, weil eine Wiedergutmachung nicht möglich ist. Auf der anderen Seite wird der Täter-Opfer-Ausgleich grundsätzlich aber auch nicht bei Bagatelldelikten angewandt, weil sich der Aufwand meistens nicht lohnt. Ein Täter-Opfer-Ausgleich kann aber dennoch sinnvoll sein, etwa wenn sich Täter und Opfer kennen.

Eingängiges Beispiel ist die Wegnahme eines Handys durch einen Mitschüler. Selbst wenn der Täter durch ein Gericht bestraft wird oder es zu einer Einstellung unter der Auflage einer Spende oder von Sozialstunden kommt, findet dadurch beim Opfer kein Ausgleich für den Schaden statt. Das bedeutet, das Handy hat er weiterhin nicht. Außerdem ist die kommenden Jahre eine Begegnung der beiden auf dem Schulhof unvermeidbar.

Beim Täter-Opfer-Ausgleich findet zunächst ein Vorgespräch mit jedem Einzelnen statt, um die Freiwilligkeit zu prüfen und Alternativen aufzuzeigen. Kommt der Mitarbeiter zu dem Ergebnis, daß ein Täter-Opfer-Ausgleich im konkreten Fall sinnvoll erscheint, lädt er die Beteiligten zu einem gemeinsamen Gespräch ein, das in einer oder mehreren Sitzungen stattfinden kann. Kommen die Beteiligten zu einer Lösung, wird diese schriftlich festgehalten. Ergebnis des Beispielfalls könnte zum Beispiel sein, daß der Täter sich bei dem Opfer entschuldigt und verpflichtet, für den Schaden einen bestimmten Betrag in Raten zu zahlen.

Täter-Opfer-Ausgleich wird von einzelnen Mediatoren, aber auch von Einrichtungen wie etwa dem Verein Die Waage Köln angeboten, der sich ausschließlich auf den Täter-Opfer-Ausgleich spezialisiert hat.


Responses

  1. Ich frage mich gerade, warum der Schüler, dem das Handy weggenommen wurde, nicht einfach im Adhäsionsverfahren oder auf zivilgerichtlichem Weg die Herausgabe oder Schadensersatz erzwingen sollte.
    Das „Gestohlene“, was auszugleichen ist, soll doch nicht nur das materielle Objekt sein, sondern auch der immaterielle Schaden an der persönlichen Entscheidungsfreiheit oder gar der Bewegungsfreiheit. Ich denke, dass gerade in diesen Bereichen ein TOA mehr Sinn ergibt, als bei einer quasi reinen zivilrechtlichen Streitigkeit (wie der Handywegnahme).

  2. Hallo Malte S.,

    es ist richtig, daß ein Schadensersatzanspruch auf zivilrechtlichem Weg möglicherweise zu exakt demselben Ergebnis führt. Es ist auch richtig, daß dies durch ein Adhäsionsverfahren (§§ 403 ff. StPO), also die zivilrechtliche Abwicklung im Rahmen des Strafverfahrens, vielleicht sogar noch schneller erreicht werden kann.

    Der Unterschied beim Täter-Opfer-Ausgleich ist jedoch, daß nicht nur ein finanzieller Ausgleich stattfindet, sondern auch ein Austausch auf persönlicher Ebene. Der Täter kann seine Tat nicht ungeschehen machen. Aber er kann gestehen, sich entschuldigen und sich mit seiner Tat sowie der Situation des Opfers aktiv beschäftigen. Dieser wiederum kann diesen („lauten Gedanken-“) Prozeß verfolgen. Das verschafft dem Geschädigten möglicherweise eine gewisse Genugtuung. Vor allem aber nimmt es ihm auch einen Teil seiner Angst.

    Geständnis und Entschuldigung können auch beim Strafverfahren erfolgen. Der darüber hinaus beschriebene Prozeß klappt allerdings nur außerhalb des Gerichtsverfahrens, wo ausreichend Zeit zur Verfügung steht und der Richter nicht aus prozeßökonomischen Gründen den Fall schnellstmöglich erledigt wissen will.

    Die Betonung bei meinem Fall lag daher auch nicht auf dem Handy, sondern auf dem permanenten Begegnen auf dem Schulhof. Der von Ihnen angesprochene immaterielle Schaden an der persönlichen Entscheidungsfreiheit oder gar der Bewegungsfreiheit soll durch den eben beschriebenen Prozeß erreicht werden. Das Handy hatte ich genannt, weil es sich dabei meistens eigentlich nur um einen Bagatelldelikt handelt, hier sich aber dennoch ein Täter-Opfer-Ausgleich (aufgrund des wiederholten Begegnens) lohnt.

    aXel Brodehl

  3. Gut, dann hab ich nur die Gewichtung (Handy / Begegnungen) falsch verstanden. Genau so hab ich mir nämlich denn Sinn auch vorgestellt und halte es für sinnvoll – gerade im Schul- und Jugendbereich. Zumindest im Schulbereich gibt es da auf Seite der Lehrkräfte mE ein erhebliches Defizit.

  4. Oder ich habe die Gewichtung schlecht dargestellt. :-o

  5. Es ist doch gerade der Vorteil des TOA, dass nach einer begangenen Straftat nicht auch noch der oft langwierige und immer kostenintensivere (auch auf staatl. Seite) Zivilrechtsweg beschritten werden muss. Mann kann im Wege des TOA sozusagen 2-in- 1 erledigen. Das spart Zeit, Nerven, Geld und ermöglicht, dass Täter und Opfer sich auch zukünftig begegenen können, ohne Ängste oder Aggressionen.


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